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Umweltschutz: eine Bewegung von unten

Immer wieder warnen immer neue Studien vor dem endgültigen ökologischen Kollaps. Im Vergangenen Sommer haben  Umweltexperten im Vorfeld zu der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung eine Studie veröffentlicht, welche den Zusammenbruch unseres Ökosystems noch für dieses Jahrhundert voraussagt.

Doch für 193 UN-Staaten ist ein Kompromiss, der alle zufriedenstellt, mal eben schnell nicht zu finden. Das hat die gescheiterte Klimakonferenz in Kopenhagen von 2009 einmal mehr bestätigt. Und so verschob sich der Zeitplan für die Rettung der Umwelt wieder nach hinten.

Im vergangenen Jahr konnte sich die UN-Mitgliedsstatten immerhin darauf einigen, das Koyoto-Protokoll, das ursprünglich 2012 auslief, bis 2020 zu verlängern. Damit verpflichten sich die UN-Staaten, ihre Treibhausgase weiter zu reduzieren. Alleine diese Staaten sind für etwa 15 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Die größten Klimasünder, die USA und China, sind dem Kyoto-Protokoll ohnehin nie beigetreten.

Doch ohne diese großen Wirtschaftsmächte kommt auch die Klimapolitik nur mit angezogener Handbremse voran. Noch bis 2015 soll über ein gemeinsames Welt-Klimaabkommen verhandelt werden, das dann im Idealfall 2020 das Kyoto-Protokoll ablösen wird. Eine schnelle Einigung wird es aber auch hier nicht geben. Zu hoffen ist, dass es nicht erst eine weitere Umwelt- oder Naturkatastrophe braucht, welche die Zweifler zum Handeln zwingt.

Der Wald geht, der Naturschutz kommt

Diesen kritischen Punkt hat Deutschland schon vor Jahrzehnten erreicht. Als in den achtziger Jahren die Tannen- und Kiefernwälder durch sauren Regen flächendeckend zerstört wurden, war das Thema Umweltschutz plötzlich omnipräsent. Das Waldsterben war der Schockmoment, welcher der deutschen Umweltbewegung zu ihrem endgültigen Durchbruch verhalf.

Die Deutschen waren nun für ökologische Themen sensibilisiert und begannen, sich für den Schutz der Natur und der Umwelt einzusetzen. Und es dauerte nicht mehr lange, bis schließlich auch die Politik auf diese Proteste reagierte – schnell und radikal. In einem bis dahin ungesehenen Kraftakt investierte die Regierung mehrere Millionen dafür, Fabriken und Industrieanlagen zu entschwefeln. Außerdem setzte sie durch, dass alle Neuwagen mit Katalysatoren ausgestattet sein müssen.

Und die Radikalmaßnahmen zeigten ihre Wirkung. Zwar nicht unmittelbar, doch binnen 13 Jahren sank die Emission von Schwefeldioxid (Hauptverursacher von saurem Regen) um 40 Prozent; der Ausstoß von Sickoxiden fiel 1990 sogar unter den Wert von 1975.

Naturschützer werden zu Politkern

Doch nicht nur die Politiker machten jetzt Umweltschutz, sondern die Umweltschützer selbst machten Politik. Im Jahr 1983 gelang den Grünen mit 5,6 Prozent erstmals der Einzug ins Parlament. Gegründet hat sich die Partei bereits drei Jahre zuvor als Protestpartei gegen die regierende sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt. Und seitdem gibt es für die grüne Partei eigentlich nur einen Weg, und der führt nach oben. Bei den letzten Bundestagswahlen 2009 erreichten die Grünen ihr bisher bestes Wahlergebnis: 10,7 Prozent.

Doch dass Umweltschutz überhaupt wieder zu einem politischen Thema wird, daran war lange nicht zu denken. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Naturschutz ein Tabuthema. Denn mit der Machtergreifung Adolf Hitlers wurden auch allen Naturschutzverbänden die Ideologien des Regimes aufgezwungen. Mit besonderer Regimetreue tat sich damals der Bund für Vogelschutz (BfV) hervor: er lieferte Hitler persönlich 500 Nistkästen für sein Führergut auf dem Obersalzberg und sicherte sich damit gleichzeitig sein Fortbestehen.

Hut ab für den Vogelschutz

Mit nüchterner Distanz betrachtet, ein Glücksfall. Denn nicht nur für die Vögel damals, sondern vor allem für den Umweltschutz heute hat der BfV eine wichtige Bedeutung. Er war das erste organisierte Bündnis, das sich für den Schutz der Natur einsetzte und damit den Anstoß für weiteres Engagement ebnete. Gegründet wurde er bereits im Februar 1899 von der Vogelliebhaberin Lina Hähnle.

Sie machte sich dafür stark, auf das Artensterben exotischer Vögel aufmerksam zu machen. Denn damals war es Mode, dass Frauen ihre Hüte mit aufwändigem Federschmuck esetzten – vorzugsweise mit bunten Federn von Paradiesvögeln. Und der Kampf gegen die bunten Hüte entwickelte sich schließlich zu einer Volksbewegung. Der gipfelte darin, dass der Kaiser ein Einfuhrverbot sowie ein Abschussverbot für die Vögel aussprach.

Naturfreunde als linke Bewegung

Parallel dazu entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine weitere, wenn auch deutlich radikalere Gruppierung. Von 1905 an organisierten sich die damaligen Sozialdemokraten unter dem Namen „Die Naturfreunde“. In Flugblättern und anderen Schriften riefen sie zu einem Protest gegen die naturverhunzende Industrie aus, befürworteten Vegetarismus und das Nacktsein.

Dieser linke Flügel der Naturschutzbewegung wurde unter Hitler allerdings sofort brutal niedergeschlagen. Seine Anhänger verendeten zum Teil im Gefängnis oder Schlimmeren. Und so gab es ohne anders denkende Naturfreunde auch keine Proteststimmen mehr, welche der Naturzerstörung Einhalt gebieten konnte. Und so schritt diese während der Zeit der Nationalsozialisten schneller fort denn je. Autoahnen, große Truppenübungsplätze und Panzermanöver forderten ihren Tribut.

1970: Wiederentdeckung des Naturschutzes

Nach der Niederlange Hitlers im Zweiten Weltkrieg war das Thema Naturschutz dann endgültig verschüttet unter den Trümmern Deutschlands. Der Naturschutz galt jetzt als politisch unkorrekt und in der DDR wurde jede grüne Bewegung sofort unterdrückt. Umweltproteste waren ein Fall für die Staatssicherheit. Und so verebbten all Umwelt-Proteste in der Bedeutungslosigkeit.

Erst in den beginnenden Siebzigern, als die Sozial-Freidemokraten die Bundestagswahlen gewonnen hatten, wird das Thema wieder aktuell. Ermutig durch die 68er Generation entstand eine neue Protestkultur, die sich auch der Umwelt wieder zuwendet. Zu dieser Zeit betraten auch Josef Leinen und Joschka Fischer als neue Umweltaktivisten die Szene. Und diese Szene war eine vollkommen neue.

Atomkraft, nein Danke

Natur- oder Umweltschutz, das hieß jetzt nicht mehr nur Vogelschutz oder Heimatpfleget, Themen wie Umwelttechnik, Verkehrspolitik und Kernenergie rückten immer weiter in den Fokus. Vor allem die Angst vor der Atomkraft machte diese Protestphase so populär. Es kam zu den ersten Massenprotesten mit Zehntausenden Demonstranten. Gemeinsam schafften sie es schließlich, den Bau von Wiederaufbereitungsanlagen für Atommüll zu verhindern. Diese ersten großen Erfolge bestärkten die Umweltschützer darin, ihre Ziele zu verfolgen und sich weiter in Verbänden und Vereinen zu organisieren. Im Jahr 1980 wurde dann schließlich die heute bekannteste Umweltorganisation gegründet: Greenpeace.

Nicht zuletzt auch wegen der spektakulären Protestaktionen von Greenpeace blieb der Umweltschutz ein öffentliches Thema. In den Nachrichten wurde darüber berichten, wenn sich Greenpeace-Aktivisten an Kraftwerkschlote ketten, oder riesige Schiffskähne mit kleinen Schlauchboten jagten. Seit den Achtzigern haben sich das Bewusstsein der breiten Bevölkerung und das der Politiker also entscheidend gewandelt. Wer nach wie vor keine Einsicht zeigte, war die Wirtschaft.

Späte Einsicht

Erst ab etwa 1988 widmete sich endlich auch die deutsche Wirtschaftswissenschaft mit der Ökologie. Und erkennt für sich Unerwartetes: mit Umweltschutz lässt sich tatsächlich Profit machen. Denn durch Energie- und Materialeinsparungen steigt das Image und damit auch der Export. Es ist eine späte Einsicht und ein Ziel, dass nach wie vor nur halbherzig verfolgt wird, nicht nur in Deutschland sondern weltweit.

Ungeachtet der vielen Studien, die mit konkreten Zahlen belegen, dass jetzt dringend Handeln gefragt ist, bleiben Verhandlungen über gemeinsame Klima-Ziele meist ergebnissoffen. Kompromisse sollen immer zu Lasten der anderen ausfallen. Eine denkbar schlechte Verhandlungsbasis.

Im vergangenen Jahr ging jedoch ein Ruck durch die UN-Staaten, sicher zum Teil auch bedingt durch die Atomkatastrophe von Fukushima 2011. Selbst China und die USA lenken ein und zeigen sich offener für Veränderungen. Der diesjährige Weltklimagipfel in Polen wird zeigen, ob diese positive Stimmung weiter anhält.

Bürgerproteste erzwingen den Atomausstieg

Auch bei der breiten Bevölkerung scheint die Sorge um die Umwelt wieder stärker in das Bewusstsein gerückt zu sein. Vor allem die Angst vor einer erneuten Atom-Katastrophe trieb die Menschen nach Fukushima wieder auf die Straße. Hunderttausend Demonstranten protestierten gegen die Kernenergie und gegen die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke. Diese wurde eigentlich erst 2010 von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossen. Doch nach den massiven Protesten nahm die Regierung ihr Vorhaben wieder zurück und entzog gleichzeitig acht deutschen AKWs die Betriebserlaubnis. Bis 2020 sollen auch die übrigen drei Kernkraftwerke vom Netz genommen werden.

Der Atomausstieg ist ein weiterer entscheidender Schritt hin zu einer gesünderen Umwelt. Und ausgelöst wurde er wieder durch Bürgerproteste. Das bestätigt, was der Ökologie-Forscher Sven Sohr bereits in den 90er Jahren behauptete: der Einsatz für den Umweltschutz ist umso größer, je realer die Sorge einer Atomkatastrophe ist. Leider ein unglücklicher Zusammenhang. Denn nicht nur die Atomkraft bedroht die Umwelt. Ihr größter Feind ist nach wie vor der Mensch an sich. Und daran kann nur jeder einzelne etwas ändern.

Autor: MBR